Montag, 26. September 2016

Der Spiegel und Spiegel-online - Kampagnenjournalismus statt seriöser Berichterstattung

 Spiegel-online hat von schier Unglaublichem gehört. Russische Hacker attackieren WDR-Journalisten. Investigativ wie die Jungs und Mädels vom Spiegel nun mal sind, haben sie sich sogleich hinter die Story geklemmt. Immerhin drei Spitzenkräfte wurden abgestellt, um zu recherchieren: Matthias Gebauer, seit Oktober 2008 Chefreporter von Spiegel-online, begonnen hat er seine Laufbahn als Polizeireporter bei der Bild, was einiges erklärt, Marcel Rosenbach und Jörg Schindler sind als investigative Journalisten offiziel anerkannt und als solche 2014 ausgezeichnet worden mit dem nach dem Stern-Herausgeber und Mitglied der Propagandaeinheit SS-Standarte Kurt Eggers, benannten Henry-Nannen-Preis für die beste investigative Leistung, den 2012 die Bildredakteure Nikolaus Harbusch und Martin Heidemans für das epische Werk: „Wirbel um Privat-Kredit – Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ bekamen. Was wiederum die ebenfalls 2012 ausgezeichneten Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter dazu veranlasste, aus Protest ihren Preis nicht anzunehmen.

 Man sieht, Spiegel-online hat so ziemlich das Beste aufgeboten, was in der Redaktion gerade beschäftigungslos in der Nase bohrte. Entsprechend hochqualitativ ist dann auch der Artikel ausgefallen.

 So beginnt das Elaborat mit dem Satz:
"Russische Hacker haben versucht, einen Journalisten des WDR auszuspähen."
Deutete bis hierher noch, genau wie in der etwas reisserisch formulierten Überschrift, alles auf eiserne Gewissheit, auf ein unumstössliches Faktum hin, so erweckt der Beginn des zweiten Satzes bereits erste Zweifel an der Seriosität der Meldung. Heisst es dort doch:
"Nach SPIEGEL-Informationen ...".
Nun ist das mit den Spiegel-Informationen so eine Sache. Entweder man glaubt, was da geschrieben steht, oder man glaubt es nicht. Beweise für die Behauptung bleibt das Blatt wie immer schuldig.

 Dafür wird der Nebel, den die drei preisgekönten Autoren verbreiten, immer dichter:
"Die Mail kam vom gleichen Absender wie bei der versuchten Attacke auf deutsche Parteien, Abgeordnete und mehrere Unternehmen, die ebenfalls im August stattfand, aber erst vergangene Woche bekannt geworden war",
wobei die Worte "versuchten Attacke auf deutsche Parteien, Abgeordnete und mehrere Unternehmen" als Link gekennzeichnet sind, der uns zu einem weiteren Artikel des Magazins leitet:
"Die Spur führt nach Russland",
behaupten da einfach mal die Autoren Angela Gruber und Matthias Gebauer. Allerdings haben die beiden das nicht selbst herausgefunden, sondern sie beziehen sich, einem seit einiger Zeit immer häufiger angewandtem Grundsatz deutscher Qualitätsjournalisten folgend, auf andere Kollegen. Warum selbst recherchieren, wenn abschreiben so viel müheloser ist?

 Bezug nehmen Gruber und Gebauer auf den Rechercheverbund von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR.:
"Die Mails sahen aus, als kämen sie von der Nato - doch sie sollten die Computer deutscher Politiker ausspähen. Hinter dem Angriff steckt wohl die Gruppe APT 28, ihr werden Verbindungen zum Kreml nachgesagt. Die verdächtigen E-Mails trudelten am 15. und 24. August ein: Deutsche Politiker und Mitarbeiter mehrerer Parteien sind Ziel eines Hackerangriffs geworden. Die E-Mails sollten dazu verleiten, auf einen Link zu klicken, der Spähsoftware auf den Rechnern installiert..."
 Allerdings, und das ist wieder sehr bezeichnend für den Zustand des deutschen Qualitätsjournalimus', auch die geballte manpower von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR vermochte nicht auch nur den kleinsten Beweis dafür zu liefern, dass der Hackerangriff aus Russland stammt, geschweige denn vom Kreml initiiert und gesteuert wurde.

 Beschuldigt, so Gruber und Gebauer, Politiker und Parteien gehackt zu haben, werde die Gruppe "ATP 28", auch bekannt unter den Bezeichnungen "Sofacy", "Fancy Bear", "Sednit" oder "Strontium":
"Dafür, dass die Gruppe aus Russland kommt, sprechen Hinweise, die Sicherheitsexperten bei der Analyse von Attacken gefunden haben." 
Sogar wie die Hinweise aussehen, die die Sicherheitsexperten gefunden haben wollen, haben die investigativen Journalisten herausgefunden:
"APT 28 verwendet zum Beispiel Schadsoftware, die auf Rechnern programmiert wurde, die russische Spracheinstellungen haben, sagt Christopher Porter, Analyst bei den IT-Experten von FireEye."
Wohl wissend wie leicht es ist, einen Rechner auf "russische Spracheinstellung" umzustellen und um sein Renumee als Sicherheitsexperte nicht völlig zu zerstören, fügt der Mann hinzu:
"Eindeutig ist das alles aber nicht, die entsprechenden Hinweise könnten auch bewusst platziert worden sein",
um im nächsten Satz diese Einschränkung noch einmal zu erweitern:
"Und selbst wenn "APT 28" aus Russland kommt: Beziehungen zum Kreml nachzuweisen, wird deutlich schwerer. Bislang verfolgt "APT 28" keine finanziellen Interessen mit den Hacks, was Indiz für einen staatlichen Auftrag sein könnte."
Also auf gut deutsch und ohne das ganze Geschwurbel von "Süddeutscher Zeitung", NDR, WDR,  abgeschrieben von Spiegel-online: Es gibt keinerlei gesicherte Erkenntnis!

 Aber wenn man schon nichts weiss, dann will man sich zumindest seine Vermutungen von anderen, die zwar auch nichts wissen, wenigstens bestätigen lassen. So zitieren die beiden Autoren die amerikanische Sicherheitsfirma CrowdStrike, die den Hackerangriff auf den Parteitag der US-amerikanischen Demokratischen Partei untersuchte, mit den Worten:
"APT 28 werde vom russischen Geheimdienst FSB gesteuert",
um schnellstmöglich von den Manipulationen der Parteiführung im Vorwahlkampf zugunsten Hillary Clintons abzulenken. Und aus der Behörde der Ahnungslosen, dem "Bundesamt für Verfassungsschutz" wird uns das Zitat übermittelt:
"Man sehe bei der Gruppe ‚Anhaltspunkte für eine russische staatliche Steuerung‘"
 Nach alldem Zitierten "müsste, hätte, könnte",ist auch bei unseren drei Investigativ-Journalisten die anfängliche noch in der Überschrift zur Schau gestellte Sicherheit einer immer tiefer ins Ungefähre abgleitenden Argumentation gewichen:
"Die deutschen Sicherheitsbehörden sind sich mittlerweile ziemlich sicher, dass die Kampagne dem russischen Kollektiv "Sofacy" zuzuordnen ist. Dahinter aber steckt vermutlich einer der russischen Geheimdienste, die mit den Mails versuchen, an sensible Daten zu gelangen."
 Anstatt der in der Überschrift gelieferten Tatsachenbehauptung:
"Russische Hacker attackieren WDR-Journalisten"
schleichen sich nun reine Mutmassungen in den Text ein. Da ist jetzt plötzlich von "ziemlich sicher" und "vermutlich" die Rede. Selbst der WDR will
"die Spähattacke nicht bestätigen".
Dennoch:
"Intern aber vermutet der Sender, dass das Motiv für den Ausforschungsversuch durch die Russen die ausführliche Doping-Berichterstattung des Senders ist."
 Wir haben hier das Kuriosum, dass der WDR über eine "Spähattacke", die offiziell gar nicht stattgefunden hat, intern Vermutungen anstellt - verrückt.

 Da geht es dem WDR anscheinend nicht besser als den deutschen Behörden, denn auch diese stellen Überlegungen an über die Beweggründe der mutmasslichen Urheber der Hackerangriffe, die Russen, ohne überhaupt zu wissen, wer diese Urheber sind:
"Bis heute rätseln die Behörden, was die Russen mit der neuen Attacke bezwecken wollen."
Da sind ihnen die fixen Spiegel-Jungs und -Mädel um Welten voraus. Gruber und Gebauer haben da so einen Verdacht:
"Eventuell, so wird auch hier gemutmaßt, habe Russland die Deutschen vor dem Wahlkampfbeginn verunsichern wollen. Vielleicht war dieser Hack nicht viel mehr als ein warnender Schuss vor den Bug."
Aber es ist wie immer: Man weiss es nicht! Was den Spiegel nicht daran hindert, die Erkenntnisse aus der Séance mit der Glaskugel in die Welt hinauszuposaunen.

 In einer späteren Sitzung mit der Glaskugel, an der dieses Mal unsere drei Investigativ-Journalisten teilnahmen, kam die Kugel dann zu einer etwas anderen Deutung:
"Denkbar",
so die Kugel,
"erscheint, dass die Russen noch einmal wahllos abfischen wollten, bevor ihre Software völlig wertlos ist."
 Es ist schier zum Verzweifeln:
"Bisher können die deutschen Behörden nur spekulieren, was der Angriff bezwecken sollte."
Zumal, was ziemlich eigenartig erscheint: Der russische Geheimdienst, wenn er denn hinter den Hackerangriffen steckt, scheint das Saarland und hier namentlich dessen CDU-Politiker zwar nicht für den Nabel der Welt, aber doch aber für das Zentrum deutscher Politik zu halten:
"Bei der neuen Attacke waren vor allem CDU-Politiker aus dem Saarland im Visier der Hacker, daneben aber bekamen auch andere Parteien - auch jene, die nicht im Bundestag vertreten sind - Mails von dem vermeintlichen Nato-Offiziellen."
Allerdings scheinen die Russen die AFD, zumindest die des Saarlandes, im Gegensatz zur Aufgeregtheit im deutschen Politikbetrieb, für eine Marginalie zu halten, denn alle Parteien wurden ausspioniert
"interessanterweise nur die AfD nicht."
 Verrückt diese Russen. Oder sollte es vielmehr, und das soll wohl mit diesem Nebensatz indoktriniert werden, der Russe selbst hinter der AFD stecken? Typisch für die Linie des Spiegel: Anstatt sich ernsthaft mit der AFD auseinander zu setzen, mit ihren Schwächen, Fehlern, von denen es ja reichlich gibt, ihrem ans Unerträgliche grenzenden Rechtspopulismus, wird ganz in deren Stil mit Verdächtigungen, Unterstellungen und Andeutungen gearbeitet.

 Zum Schluss dieses in jeder Hinsicht bemerkenswertem Stück Qualitätsjournalismus' möchte Spon seiner beständig abnehmenden Leserschaft aber noch etwas Bleibendes mit auf den Weg geben. Zunächst eine wichtige Hintergrundinformation, ohne die eine riesige Wissenslücke in unseren Hirnen klaffen würde:
"Offiziell will die Allianz (ein gern genutztes Wort für die Nato) Russland zwar nicht für die versuchten Angriffe beschuldigen. Intern aber werden sie bereits als 'Liebesgrüße aus Moskau' betitelt",
um sodann unseren Schatz an Fremdworten zu vergrössern, wohl aber auch aus dem Grund, selbst ein wenig intellektueller zu erscheinen und mit seinem Wissen zu beeindrucken:
"Grundsätzlich hält auch der deutsche Verfassungsschutz eine klare Zuordnung, die sogenannte Attribution genannt, für schwierig."
 Allerdings gerät man gleich darauf wieder in nagende Zweifel über die geistige Potenz der Schreiber. Auch darüber, warum dieser Artikel überhaupt geschrieben worden ist. Lassen uns doch die Verfasser, mit der von hoher philosophischer Intelligenz geprägten Aussage des Präsidenten des deutschen Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen,sozusagen als Schusswort allein und völlig konsterniert zurück:
"Im Zweifel wird man nie ausschließen können, dass es sich um eine False-Flag-Operation handelt, also dass sich jemand als jemand anderer ausgibt".
 Ein Verdacht greift Platz: Sollte dieses ganze Geschwafel letztlich einzig und allein den Grund haben, die verehrte Leserschaft neugierig zu machen auf einen Artikel zum gleichen Thema im gedruckten Spiegel, Ausgabe 39 von dieser Woche, um so die abstürzenden Auflagenzahlen etwas abzufangen?

Mittwoch, 21. September 2016

Zwei fürchterliche Ereignisse in Syrien und ihre völlig unterschiedliche Gewichtung in der veröffentlichten Meinung

 Im Osten Syriens ist es am Freitag zu einem schwerwiegenden Zwischenfall gekommen. US-amerikanische, dänische und australische Kampfjets haben in der Region Deir ez-Zor Einheiten der regulären syrischen Armee angegriffen und mindestens 60, andere Stimmen sprechen von bis zu 90 Soldaten getötet und über hundert verletzt.

 Die erste Erwähnung in der ARD erfuhr der Angriff in den Tagesthemen am Samstag. Unkorrekt und für eine Nachrichtensendung absolut indiskutabel wurde hinter Nachrichtensprecher Hofer nicht die korrekte Bezeichnung "Syrische Armee" eingeblendet, sondern als vielmehr war von einem "Luftangriff auf Assad-Truppen" die Rede, so als sei das Assads private Söldnertruppe.

Hauptsache diffamieren: Die reguläre Syrische Armee wird bei ARD-Aktuell zu einer privaten Söldnerarmee Assads

Die Meldung über den Zwischenfall, der die Welt an den Rand einer Auseinandersetzung zwischen zwei Atommächten brachte, war den Tagesthemen ganze 35 Sekunden wert, einschliesslich der Anmoderation von Anchorman Thomas Roth:
"Im Osten Syriens sind bei einem Luftangriff auf Stellungen der Regierungstruppen offenbar mehr als sechzig syrische Soldaten getötet worden. Mehr dazu in den Nachrichten jetzt mit Jan Hofer."
Die Nachricht die Hofer nun verlas, bestand aus vier dürren Sätzen:
"Die Armee und das russische Verteidigungsministerium machen die US-geführte Militärallianz für das Bombardement verantwortlich und verlangen eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates. Das US Militär erklärte, möglicherweise seien syrische Truppen beschossen worden. Der Luftangriff sei gestoppt worden. In der Region liefern sich IS-Terrormiliz und Regierungsarmee heftige Kämpfe."
 In dem Beitrag zuvor, der sich mit den Massenprotesten gegen CETA und TTIP befasste, hatten die Tagesthemen allein für Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der von der deutschen Wirtschaft bezahlten "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" 22 Sekunden ihrer wertvollen Sendezeit übrig, um darüber zu lamentieren, dass die deutsche Wirtschaft in der Vergangenheit zu wenig für Ceta und TTIP geworben habe.

Am Sonntagmittag dann hatte sich die Tagesschau voll der US-amerikanischen Sichtweise angeschlossen. Kirsten Gerhard durfte in der Sendung um 13.45 Uhr, 32 Sekunden lang ein paar dürftige Sätze verlesen:
"Der vermutlich irrtümlich durchgeführte Luftangriff der US-geführten Koalition auf syrische Regierungstruppen hat eine scharfe Auseinandersetzung zwischen den USA und Russland ausgelöst."
 Nicht viel besser erging es in der Sendung um 16.55 Uhr Tarek Youzbachi. Ganze 29 Sekunden hatte er Zeit, um seine Zuschauer über die Auseinandersetzung Russlands und der USA in der von Russland beantragten Sondersitzung des Weltsicherheitsrates der UN zu informieren:
"Die US-Seite betonte ihr Bedauern und sprach von einem Versehen."
 Der gleiche Beitrag wurde dann in der Hauptsendung der Tagesschau um 20.00 und den Tagesthemen wiederholt.

Kein Wort war den Manipulateuren von ARD-Aktuell die verbalen Ausfälle der US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power wert, der angesichts von mindestens 60 toten syrischen Soldaten nichts besseres einfiel, als Russland übelst zu beschimpfen. Spiegel-online berichtete:
"Power, die wegen ihres Statements vor Journalisten laut Tschurkin (der russische Botschafter bei den Vereinten Nationen) einen Teil von dessen Kommentaren im höchsten Uno-Gremium verpasste, bezichtigte Russland der Effekthascherei. "Selbst nach russischen Standards ist der Stunt von heute Abend - ein Stunt voller Moralismus und Effekthascherei - auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig", sagte Power. Sie zeigte sich empört, dass Russland eine Dringlichkeitssitzung einberief, unzählige Angriffe auf die Bevölkerung durch das syrische Regime aber unbeantwortet gelassen hatte."
 Das ZDF hielt sich erst gar nicht mit der Formulierung eines eigenen Berichts auf und übernahm gleich die Sichtweise der US-amerikanischen Regierung in ihrem Wortlaut. Am seidenen Faden hänge die Waffenruhe in Syrien schon lange, aber:
"Nun erschwert ein bitterer Fehlschlag des US-Militärs den Weg zum Frieden noch mehr."
 Dieser Mühe unterzog sich auch die Süddeutsche nicht. Die hochbezahlten Qualitätsjournalisten des Blattes schrieben einfach nieder, was die Propagandaeinheit der US-Streitkräfte der Welt in die Notizblöcke diktierte:
"Das US-Zentralkommando verwies auf die 'komplexe' Situation in Syrien mit verschiedenen militärischen Kräften und Milizen in nächster Nähe zueinander. "Aber Koalitionskräfte würden keine syrische Einheit wissentlich und absichtlich angreifen."
 Dabei hätte ihnen ein einfacher Blick auf die Karte oder ins Internet gezeigt, dass die syrischen Regierungseinheiten bei Deir ez-Zor eine winzige Enklave in einem Gebiet, ausschliesslich beherrscht vom IS, bilden. Da ist nix mit "komplexe Situation in Syrien". Da gibt es keine, wie es immer so schön heisst "moderate Rebellen". Da sind nur der IS und die eingekreisten und auf Versorgung aus der Luft angewiesenen Einheiten der syrischen Armee.



 Und eben um diese Versorgung der syrischen Armeee-Einheiten aus der Luft scheint es auch gegangen zu sein. So schreibt "Die Presse" aus Österreich:
"Die Stellungen der Assad-Armee liegen im Umkreis des Militärflughafens der Stadt Deir ez-Zor im Osten, wo das Regime nur noch kleine Gebiete kontrolliert. Seit Wochen versuchen Jihadisten des IS, die Berge um den Flughafen zu erobern, um startende und landende syrische Militärjets unter Feuer nehmen zu können und so den Nachschub für die eingeschlossenen Armeeteile und Wohnviertel zu kappen."
 Eine winzige Enklave unter Kontrolle der syrischen Regierung inmitten eines riesigen Gebietes beherrscht vom IS, da fällt es schwer, an einen Irrtum des US-Militärs zu glauben. Es sei denn die USA hätten im Krieg in Syrien die Seiten gewechselt, unterstützten Assad im Kampf gegen die islamistischen Terroristen, und die neuen Verbündeten, die syrische Armee, sei in ein, in den USA seit Jahren beliebtes "Friendly Fire" geraten.

 Die USA und ihre Verbündeten verfügen über alle derzeitigen Möglichkeiten der Aufklärung - nicht zuletzt die  6 Aufklärungs-Tornados der Bundeswehr, die laut Ministerin von der Leyen, bis letzte Woche bisher rund 500 Flüge über Syrien absolviert haben. Da nimmt es um so mehr Wunder, dass die Jetpiloten nicht unterscheiden konnten zwischen IS-Terroristen und regulären Einheiten der syrischen Armee.

 Am Montag Abend erklärte Syrien die Waffenruhe, die eine Woche zuvor zwischen den USA und Russland ausgehandelt worden war, für beendet. Anlass war sicher der Angriff der USA auf die syrischen Truppen, aber auch Nachrichten darüber, dass US-amerikanische Spezialeinheiten zusammen mit türkischen gepanzerten Verbänden die Grenze zwischen der Türkei und Syrien überschritten hatten und die islamistischen Terroristen sich in  und um Aleppo neu zu formieren schienen und frische Kräfte heranführten.

 Die USA konnten oder wollten ihrer Verpflichtung, so wie es in den Waffenstillstandsvereinbarungen festgelegt worden war, eine Entflechtung zwischen islamistischen und gemässigten Kämpfern herbeizuführen, nicht nachkommen. So konnten aber auch keine Garantien für Hilfskonvois für die Bevölkerung von der syrischen Regierung und Russland übernommen werden, die wiederum lautstark von den USA gefordert wurden.

 Die USA weigerten sich sogar, die Vereinbarungen des Waffenstillstands der zwischen ihnen und Russland am 12. September ausgehandelt worden war, offen zu legen. N24 meldete noch am Freitag:
"Die für Freitag angesetzte Dringlichkeitssitzung (des UN-Sicherheitsrates) war abgesagt worden, weil dabei auch über die Vereinbarung zur Waffenruhe gesprochen werden sollte. Die USA fürchteten, mit der Offenlegung der detaillierten Vereinbarung die von ihnen unterstützten Rebellen in Syrien zu gefährden. Unter anderem hatte Frankreich darauf bestanden, über die Einzelheiten der Vereinbarung informiert zu werden, bevor eine Resolution dazu verabschiedet wird."
 Unmittelbar nach der Beendigung des Waffenstillstands wurden die Kampfhandlungen von beiden Seiten wieder aufgenommen. in den Abendstunden des Montags kam es dann zu der Zerstörung eines Hilfskonvois unter der Führung des UNHCR, der aber von verschiedenen Hilfsorganisationen unter anderem des Roten Halbmondes zusammengestellt worden war, in dem westlich von Aleppo gelegenen Ort Orem al-Kubra. 18 der 31 mit Hilfsgütern vollbeladenen Lastwagen wurden zerstört. 20 Menschen, zumeist Helfer und Fahrer der LKW kamen ums Leben.

 Wie und durch wen der Angriff ausgeführt wurde, ist bisher ungeklärt. Es sei ein Bombenangriff gewesen, wurde reflexartig behauptet. Allerdings sind dafür bisher keine Beweise geliefert worden, noch hat eine von einer unabhängigen Institution durchgeführte Untersuchung stattgefunden. Vor Ort  drehten die üblichen Verdächtigen, die White Helmets, eine vom Westen finanzierte Propagandaorganisation, dramatische Bilder von brennenden LKWs und behaupteten, Flugzeuge hätten den Konvoi bombadiert. Dabei war man sich allerdings nicht ganz einig. So waren es das eine Mal Kampfjets, die Bildzeitung weiss sogar genau,wessen Jets das waren und von welchem Typ:
"Der Angriff soll von zwei russischen Kampfjets des Typs SU-24 ausgeführt worden (sein). Wie die Nachrichtenagentur Reuters von zwei Insidern erfuhr, waren die Maschinen nach Angaben des US-Geheimdienstes genau zum Zeitpunkt der Bombardierung über dem Konvoi,"
die noch dazu zweimal angegriffen hatten, wie Paul-Anton Krüger in der Süddeutschen behauptete, so als sei er selbst dabeigewesen:
"Nachdem die ersten Angriffe 18 Lastwagen zerstört und etliche Helfer getötet hatten, folgte eine zweite Welle. Sie galt jenen, die den Opfern zur Hilfe eilten".
Ein anderes Mal waren es Hubschrauber der syrischen Armee, die Fassbomben abwarfen, wie der Spiegel wusste:
"Die Weißhelme, die zivilen Helfer in den von der syrischen Opposition beherrschten Gebieten, sprachen von vier Helikoptern, die mehrere Fassbomben auf die Fahrzeuge abgeworfen haben sollen".
Wieder andere berichten gar von einer Kombination aus Jets und Kampfhubschraubern, wie die Tagesschau einen unbekannten Mann sagen ließ:
"Die russische Luftwaffe und syrische Helikopter haben dieses Gebiet und den Konvoi der Vereinten Nationen heftig bombadiert und das hat zu enormen Zerstörungen geführt".
Zeuge der Tagesschau mit einem nicht zu identifizierendem Emblem auf der Brust

 Die Erklärung, die Zerstörung des Konvois sei aus der Luft erfolgt, liegt sicherlich nahe, ist aber bei weitem nicht die einzig wahrscheinliche. So schreibt Spiegel-online in einem kurzen Satz, der leicht überlesen werden kann:
"Andere Beobachter berichteten, dass Raketen am Tatort eingeschlagen seien". 
 Raketen müssen aber nicht zwingend von Flugzeugen aus abgeschossen werden. Aber die Erklärung, der Konvoi sei aus der Luft angegriffen worden, hat den grossen Vorteil, dass er automatisch impliziert, dass es Russland oder Syrien gewesen sein müssen, da die Terroristen ja über keine Flugzeuge verfügen.

 Tatsache ist, dass Verbände der ehemaligen al-Nusra-Front, jetzt Fatah-al-Scham-Front, am Montagabend einen Angriff mit Artillerie, Panzern, Mörsern und Mehrfachraketenwerfern auf Aleppo gestartet hatten. Der Angriff soll aus der Gegend von Khan Tuman gekommen sein. Khan Tuman ist ca. 10 km Luftlinie in nordöstlicher Richtung von Orem al-Kubra entfernt.

Links oben Orem al-Kubra, etwas recht von der Bildmitte Khan Tuman und links die ersten Vororte von Aleppo

 Möglich und denkbar sind in diesem Zusammenhang zwei Szenarien. 1. Kampfflugzeuge Russlands oder Syriens haben Angriffe auf die Stellungen der Fatah-al-Scham-Front geflogen und aus Versehen Orem al-Kubra getroffen, oder 2. die Fatah-al-Scham-Front hat kurz einmal die Raketenwerfer in die umgekehrte Richtung schiessen lassen.

 Sicherlich auch nur theoretische Überlegungen. Allerdings spricht gegen eine absichtliche Zerstörung des Konvois, dass die syrische Regierung die Fahrt der LKW mit den Hilfsgütern ausdrücklich genehmigt hatte. So berichten der Tagesspiegel  und die Neue Zürcher Zeitung noch am Montagmittag gleichlautend:
"Lastwagen mit Hilfsgütern seien auf dem Weg in die zentralsyrische Stadt Talbiseh und den nordsyrischen Ort Orem al-Kubra, sagte der Sprecher der UN-Nothilfeorganisation Ocha, David Swanson, am Montag."
 Warum sollte das syrische Militär oder Russland einen Hilfskonvoi zerstören und sich dem Vorwurf des Kriegsverbrechens aussetzen, wenn sie die Hilfslieferungen einfach hätten blockieren können, indem sie die Fahrzeuge nicht über die türkische Grenze gelassen hätten? Befand man sich doch nach dem Angriff der USA auf die syrische Armee in Deir ez-Zor am Freitag, mit über 60 getöteten syrischen Soldaten, propagandistisch in einer komfortabelen Lage.

 In die Defensive geraten waren die USA. Sie standen zwei Tage am internationalen Pranger. Der Angriff auf den Hilfskonvoi hat den Vorfall in Deir ez-Zor mit einem Schlag aus der Öffentlichkeit verdrängt.

 Hinzu kommt, dass für Dienstag eine Generaldebatte über den Krieg in Syrien in der Uno-Vollversammlung auf der Tagesordnung stand und ein Treffen der "Internationalen Syrien-Unterstützergruppe", in der sich 20 Staaten zusammengeschlossen haben.

Mittwoch, 14. September 2016

Julian Hans von der Süddeutschen: Waffenstillstand in Syrien eine hinterhältige Finte des Kremls

 Es ist die Zeit der Kreml-Astrologen: Keiner weiss genaues, dafür wird aber heftigst spekuliert. Dass dabei stets herauskommt, den Herren in Moskau sei nicht zu trauen und ihr grosses Ziel sei es, den Westen zu schwächen und in einer grossen Revision der Ergebnisse des zweiten Weltkrieges und des Zusammenbruchs der Sowjetunion die USA über den Atlantik zurückzudrängen und ein von Russland beherrschtes Eurasien zu schaffen, also ein Herrschaftsgebiet von Wladiwostock am Pazifik bis nach Portugal am Atlantik. Ein Netzwerk von atlantischen Journalisten lässt kein auch noch so ungeeignetes Ereignis ungenutzt, die Angst der Menschen vor einem angeblich aggressiven und die Freiheit und Unabhängigkeit des westlichen Europas bedrohenden Iwan in Angst und Schrecken zu versetzen.

 Ein herausragender Vertreter dieser Spezies von Journalisten ist seit Jahren der Moskauer Korrespondent und ehemalige Redakteur des Zentralorgans der Atlantiker „Die Zeit“, Julian Hans. Der hatte sich unlängst  Gedanken über die wahren Motive Russlands gemacht für die Verhandlungen mit den USA zu einem Waffenstillstandsabkommen in Syrien. Und wie das so ist, wenn ein Ausgleich mit Russland, in Verhandlungen erreicht wird, egal bei welchen Konflikten auch immer, der Russe hat falsch gespielt und will den gutmütigen Westen in Wirklichkeit lediglich übervorteilen. So vermutet, nein besser, ist Hans sich sicher, dass auch bei den Verhandlungen um einen Waffenstillstand in Syrien Russland ein verdecktes unlauteres Spiel spielt.
„Über die offiziell von Moskau verkündeten Ziele könnte man sich vielleicht einigen, zuallererst auf die Bekämpfung der IS-Terroristen“,
ist sich Hans sicher. Nur leider sind da noch andere, eher unehrenhafte Motive des Kremls:
„Aber da ist noch etwas anderes, was bei allen Gesprächen unausgesprochen mitverhandelt wird,“
und das ist immer das Gleiche:
„egal, ob es um die Umsetzung der Minsker Vereinbarungen zur Beilegung des Ukraine-Krieges geht oder um die Trennung von Terroristen und gemäßigten Rebellen in Syrien. Verhandelt wird immer auch Russlands Stellung in der Welt.“
Dieses Ziel vor Augen ist der russischen Führung kein Preis zu hoch. Natürlich zu zahlen von den Menschen in den Konfliktregionen. Das sei, so sieht es Hans, in Syrien
„Der Preis der Ruinen“
wie er seinen Artikel überschreibt. Und Hans kennt die Beweggründee des Kremlherrn ganz genau:
„Wladimir Putin sieht die Waffenhilfe für das Regime von Syriens Diktator Assad nur als Mittel zur Durchsetzung seiner geopolitischen Interessen.“
 Hans weiss natürlich, dass das eine überaus schlichte Sicht der Dinge ist, die der wirklichen Lage in Syrien nur sehr eingeschränkt und aus einem ganz bestimmten Blickwinkel gerecht wird. Der hat zwar mit der Wirklichkeit so rein gar nichts gemein, passt aber sehr schön in das schlichte Weltbild, das uns der Mainstream seit Jahren vorgaukelt, von dem nur der Menschenrechte und der Freiheit verpflichtetem Westen und dem bösen, letztendlich die Weltherrschaft und die Knechtung der Völker anstrebenden Russland.

 Da passt kein Blatt Papier zwischen die beiden Julians - den Julian (Reichelt) der Bild und den Julian (Hans) von der Süddeutschen.

 Dieses einseitige, schlichte und verfälschte Weltbild aber ist es, was Propagandisten wie Julian Hans die ideologische Grundlage bietet, die da besagt: die USA haben das gottgegebene Recht zur Herrschaft über die Welt. Sie bestimmen die Regeln und Grundsätze, wie ihre Vasallen sich zu verhalten haben, und die Sichtweise der USA ist die einzig zulässige. Nur so kann man zu Aussgen wie:
„Der Westen wartet und hofft, dass Moskau wieder zu den internationalen Regeln zurückkehrt, von denen Wladimir Putin sich mit der Annexion der Krim verabschiedet hat.“
Und nur so ist auch der nächste Satz, der als eine Anklage gedacht ist, zu verstehen:
„Putin möchte stattdessen die Regeln ändern und eine neue Ordnung durchsetzen.“
 Wenn es denn so wäre, so wäre das bei objektiver Betrachtung, ein durchaus legitimes Anrecht des Staatschefs eines unabhängigen Landes. Durch die Brille eines Julian Hans gesehen eine Unbotmässigkeit des Vasallen gegenüber dem Hegemon. Die Regeln bestimmt ausschliesslich der Hegemon, und nur der hat das Recht, diese je nach Bedarf seinen Interessen anzupassen.

 Und das tut der Westen unter der uneingeschränkten Führung der USA ständig. Beispiele dafür sind Legion. Ob es die angeblich zum Schutz der Bevölkerung in Libyen durchgesetzte Flugverbotszone war, die dann dazu genutzt wurde, einen ungeliebten und unbequemen Machthaber, Gaddafi, zu stürzen, ob es die völkerrechtswidrigen Kriege gegen Jugoslawien und den Irak waren, der Umsturz in der Ukraine mit dem Versuch der USA, die russische Schwarzmeerflotte aus Sewastopol zu vertreiben und den Marinestützpunkt selbst zu übernehmen, die das Land letztlich zu einem Protektorat der USA machten, die Unterstützung islamistischer Terroristen in Syrien, um das Land unter die Kontrolle der mit den Methoden des Mittelalters regierten Golfstaaten zu zwingen, oder die Umsturzbemühungen in Mittel- und Südamerika, mit zuletzt dem Putsch gegen die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff, der nur das vorläufige Ende einer Reihe weiterer unrechtmässigen Regierungswechsel z.B. in Honduras 2009 und in Paraguay 2012 ist, immer und überall handelt der Westen nicht im Sinne des Völker- oder Menschenrechts, sondern nach seinen eigenen, den angestrebten Zielen dienlichen Regeln.

 Russland - Putin - hat gegen die Regeln verstossen, indem es sich zur Wehr setzt und sich damit selbst zum Paria gemacht hat, wie in der westlichen Presse schon des öfteren kolportiert wurde, weil es seine eigenen Interessen verfolgt.

Die Regel, und es gab nur diese eine, in Syrien war klar und deutlich von den USA formuliert und wurde im Chor der Vasallen lautstark immer wieder wiederholt: "Assad muss weg!" Dabei war es den Protagonisten völlig schnurz, was aus den Menschen in Syrien werden sollte, wenn dort die Islamisten die Macht bekämen. Es ging und geht um Energie, besser gesagt um Erdgas und damit letztendlich um Macht und Einfluss in Europa und in Asien.

 Lassen wir den grossen Schachspieler Zbigniew Brzezinski, den Berater fast aller US-Präsidenten seit Jimmy Carter und mächtigen Strippenzieher zu Wort kommen. In seinem mittlerweile zum Standardwerk US-amerikanischer Aussen- und Kriegspolitik avancierten Buch "The Grand Chessboard" vertritt er die These, dass der Schlüssel zur Weltherrschaft die Herrschaft über die eurasische Landmasse sei.
"Eurasien ist der größte Kontinent der Erde und geopolitisch axial. Eine Macht, die Eurasien beherrscht, wurde über zwei der drei höchstentwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen reichen. Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu erkennen, dass die Kontrolle über Eurasien fast automatisch die über Afrika nach sich zöge und damit die westliche Hemisphäre und Ozeanien gegenüber dem zentralen Kontinent der Erde geopolitisch in eine Randlage brächte.  Nahezu 75 Prozent der Weltbevölkerung leben in Eurasien, und in seinem Boden wie auch seinen Unternehmen steckt der größte Teil des materiellen Reichtums der Welt. Eurasien stellt 60 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts und ungefähr drei Viertel der weltweit bekannten Energievorkommen. ...Eurasien ist mithin das Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird."
Brzezinski fährt fort:
"Unmittelbar präsent ist die Macht der USA in der schmalen Zone an der westlichen Peripherie Eurasiens",
und:
"Sudlich von diesem großen zentraleurasischen Plateau liegt eine politisch anarchische, aber an Energievorräten reiche Region, die sowohl fur die europäischen als auch die ostasiatischen Staaten sehr wichtig werden könnte..."
Auch wenn Brzezinski hier in erster Linie den Iran meint mit seinem riesigen South-Pars-Erdgasfeld, so gehören auch die Erdgas- und Erdölproduzenten des Persischen Golfs zu den wichtigen Energielieferanten Europas. Und das westliche Europa hat eine entscheidende Bedeutung für das Bestreben der USA, Eurasien unter seine Herrschaft zu bringen:
"Schließlich könnte ein solches Europa sogar ein Eckpfeiler einer unter amerikanischer Schirmherrschaft stehenden größeren eurasischen Sicherheits- und Kooperationsstruktur werden. Vor allen Dingen aber ist Europa Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent."
Hingegen sieht Brzezinski die Gefahr:
Würden schließlich die europäischen Partner Amerika von seinen Stützpunkten an der westlichen Peripherie vertreiben, wäre das gleichzeitig das Ende seiner Beteiligung am Spiel auf dem eurasischen Schachbrett..."
 Eine sichere Energieversorgung Europas ist daher unerlässlich. Russland ist der Hauptenergielieferant dieses energiehungrigen Europas, und dieses könnte, so befürchtet Brzezinski, durch Russland unter politischen Druck gesetzt werden. Eine Abhängigkeit, besonders beim Gas, die durch die Golfstaaten aufgelöst werden könnte.

 Syrien hat nun das Pech, zwischen den grössten Energielieferanten und einem der grössten Energieschlucker, Europa, zu liegen.

 Das Emirat Katar, das über die weltweit drittgrössten Erdgasvorräte verfügt, könnte als Lieferant einspringen. Allerdings ist die Verflüssigung des Gases und dessen Transport mit Schiffen durch den Persischen Golf und den Suezkanal nach Europa zumindest in absehbarer Zeit noch zu teuer, und in Europa fehlen ausserdem genügend Häfen mit Erdgasterminals.

 So unterbreitete das Königreich Katar gemeinsam mit der Türkei Syrien das Angebot, eine Erdgaspipeline durch Syrien bis in die Türkei zu verlegen, um diese dann an die geplante Nabucco-Pipeline anzuschliessen. Assad lehnte ab und verhandelte stattdessen mit dem Iran über eine Erdgaspipeline ans Mittelmeer. Damit hatte er sein eigenes Todesurteil gesprochen: "Assad muss weg!"

 Die "Wirtschaftswoche", gewiss kein Blatt, dass im Verdacht steht mit dem Kreml zu kooperieren, schreibt am 12. Dezember 2015:
"Nach Informationen der „Financial Times“ soll Katar allein in den zwei Jahren bis Mitte 2013 die Rebellen in Syrien mit rund drei Milliarden Dollar unterstützt haben. ...Katar, Saudi-Arabien und die Türkei begannen (man sollte noch hinzufügen, mit dem Segen der USA), den syrischen al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra sowie die Kämpfer der Terrorgruppe ISIS zu finanzieren und mit Waffen auszustatten. Der Rest ist bekannt"
 Syrien, Assad steht dem, wie Brzezinski schreibt,
"expandierenden Einflussbereich des Westens (wo Amerika das Übergewicht hat)"
in Eurasien entgegen. Der nunmehr über fünf Jahre währende Krieg ist für Julian Hans kein Verstoss gegen die Menschlichkeit, sondern die Ahndung eines klaren Regelverstosses. Und so ist denn auch der Waffenstillstand, wenn er denn durchgesetzt wird, und die daraus entstehende Zusammenarbeit Russlands und der USA im Kampf gegen den IS, nicht zuerst ein Segen für die Menschen in Syrien. Er ist vielmehr, folgt man Hans, der perfide Versuch Russlands, sich als eine den USA gleichgestellte Grossmacht auf der Weltbühne zurückzumelden:
"Die Allianz mit den Amerikanern wäre so gesehen nicht Mittel zum Zweck (Kampf gegen islamistische Terroristen), sondern umgekehrt: Der Einsatz ist das Mittel, Putins Ziel aber ist die gleichberechtigte Partnerschaft der Großmächte, die das Schicksal dritter Staaten und Regionen unter sich ausmachen",
- also letzten Endes der Versuch Russlands sich ausserhalb der Regeln zu stellen, um seine Interessen unabhängig von den USA durchzusetzen.

 Aus diesem verquassten Blickwinkel ist dann auch der Kampf Russlands gegen die islamistischen Terroristen, bei deren Aufzählung von Propagandaschreibern wie Julian Hans, nur allzugerne die Kopfabschneider der al Nusra, oder Fatah-al-Scham-Front, wie sich diese neuerdings nennt, oder die Kämpfer der Ahrar al-Scham vergessen werden, nichts weiter als der Versuch, Assad an der Macht und so den Konflikt in einem Schwebezustand zu halten:
"Nach einem Abzug der Russen wären Assads Tage gezählt. Bleibt also, ihn an der Macht zu halten und einen Übergangsprozess einzuleiten, bei dem Moskau mitredet, aber nie allein verantwortlich ist dafür, dass nichts dabei herauskommt."



Montag, 5. September 2016

Das dumme Geschwätz von den asymmetrischen Kriegen Russlands - der wahre Agressor sind die USA


 In den Publikationen des Mainstreams ist seit Jahren immer häufiger davon zu lesen oder zu hören, Russland oder Putin überziehe den Westen mit einem hybriden oder asymmetrischen Krieg. So zitierte der Focus bereits im Juli 2014 den damals noch Vorsitzenden des auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz mit den Worten:
"Wir haben es mittlerweile mit einem asymmetrischen Krieg zu tun, den Russland gegen die Ukraine führt".

Und der Spiegel liess sich gar im April 2014 von dem britischen Professor an der New York University, Mark Galeotti, eine Analyse mit der Überschrift:

"Russlands Ukraine-Strategie: Putin, der Guerilla-Krieger"
fertigen, in der dieser behauptete:
"Wladimir Putin ist sich der massiven militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit der westlichen Allianz bewusst - und so zeigt er der Welt, dass er es meisterhaft versteht, die Asymmetrie der Kräfteverhältnisse für sich zu nutzen."
"Die Zeit" vermutete im März diesen Jahres schliesslich gar einen direkten Angriff Russlands auf die Bundesrepublik:
"Für Russland ist die Bundesrepublik in diesem sogenannten hybriden Kampf ein wichtiges Ziel. Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spielte eine wichtige Rolle bei der Entscheidung der Europäischen Union, als Strafe für den Einmarsch Russlands auf der Krim Sanktionen gegen Moskau zu verhängen",

und sogar die Kanzlerin persönlich sei im Visier des Kremlherrn. Die Wochenzeitung zitiert den Direktor des Stratcom COE, des Kompetenzzentrums für strategische Kommunikation der Nato im lettischen Riga, Jänis Särts. Der, so "Die Zeit"

"sieht sogar einen noch größeren Plan. Er sagte dem britischen Observer, Russland versuche, Merkel als Kanzlerin zu stürzen. ‚Russland testet, ob es in der Lage ist, in so einem großen und stabilen Land, das normalerweise nicht so viele Schwachpunkte bietet, Umstände zu erzeugen, die zu einem Wechsel an der politischen Spitze führen‘“.

 Als Beleg für die These vom hybriden oder asymmetrischen Krieg Russlands gegen Deutschland muss immer wieder der sogenannte "Fall Lisa" herhalten. Lisa ein 13-jähriges Mädchen aus Berlin hatte behauptet, sie sei von Migranten entführt und vergewaltigt worden. In Wirklichkeit hatte sie aus Angst vor Bestrafung bei Freunden übernachtet.

"Russland startete basierend auf dieser Aussage eine großangelegte Desinformationskampagne. Russische Staatssender berichteten ausführlich. Russlanddeutsche und prorussische Aktivisten organisierten Demonstrationen in Bremerhaven, Bonn, Hamburg und direkt vor dem Bundeskanzleramt in Berlin",

schreibt "Die Zeit". Bei diesen Demonstrationen handelte es sich um Ansammlungen von jeweils nur einigen hundert Menschen. In der Tat eine kraftvolle Kriegserklärung und eine Gefahr für Deutschland und seine Kanzlerin.
 In der letzten Woche schliesslich stellte Innenminister Thomas de Maizière sein Konzept der "Zivilen Verteidigung" vor und begründete diese mit der "Gefahr durch hybride Konflikte".

 Die Urheberschaft dieser Art von Konfliktführung wird gern dem Generalstabschef der russischen Streitkräfte, Waleri Gerassimow zugeschrieben. So geschehen auch in der "FAZ," hinter der nach eigener Aussage ja bekanntlich immer und stets ein kluger Kopf steckt.


Für einen dieser klugen Köpfe möchte anscheinend Thomas Gutschker gehalten werden. Nach dem Motto: "Haltet den Dieb", nachdem man der Oma die Geldbörse gezogen hat,


 Die Urheberschaft dieser Art von Konfliktführung wird gern dem Generalstabschef der russischen Streitkräfte, Waleri Gerassimow zugeschrieben. So geschehen auch in der "FAZ" hinter der nach eigener Aussage ja bekanntlich immer und stets ein kluger Kopf steckt.

Für einen dieser klugen Köpfe möchte anscheinend Thomas Gutschker gehalten werden. Nach dem Motto: "Haltet den Dieb", nachdem man der Oma die Geldbörse gezogen hat, schreibt er am 07. September 2014 über "Putins Schlachtplan":
 "Die Invasion der Ukraine ist seit Anfang 2013 geplant worden. Russland wollte von Guerrillakämpfern lernen, erprobte neue Formen der Kriegsführung. Und der Westen bekam davon nichts mit."

 Gutschker mag ein kluger Kopf sein, mit der Wahrheit nimmt er es aber nicht so genau. In Verdrehung der Tatsachen behauptet er:

"Als russische Truppen Ende Februar die ukrainische Halbinsel Krim eroberten, war die westliche Welt schockiert und empört. Niemand hatte damit gerechnet. Der Angriff wirkte wie eine improvisierte und spontane Reaktion Präsident Putins auf die Flucht seines Verbündeten Viktor Janukowitsch aus Kiew."

 Der Geschichtsschreibung ist, trotz allen Einflusses der Propaganda, bis heute nichts von einer gewaltsamen Eroberung der Krim durch russische Truppen, noch gar von einem "Angriff" bekannt. Ein halbes Jahr später, also zum Zeitpunkt des denkwürdigen Artikels müsse man, so der kluge Kopf Gutschker, diese Deutung korrigieren.

"Tatsächlich war die russische Invasion von langer Hand geplant, vorbereitet und geübt worden. Sie begann auch nicht erst nach dem Sturz Janukowitschs, sondern war schon vorher angelaufen",
und er führt weiter aus:
"Dafür gibt es etliche Belege",

von denen er aber nur einen anführen kann, der aber

"besonders wichtig ist",

 weil es, wie gesagt, der einzige Beleg ist, den Gutschker anführen kann, und weil er damit sehr schön seine Behauptung die "Invasion der Ukraine ...sei seit Anfang 2013 geplant worden", zu belegen scheint.
Hierbei handelt es sich um die oben schon einmal erwähnte Rede des Generalstabschefs der russischen Streitkräfte, Walerij Gerassimow Ende Januar 2013. Erschienen ist der Wortlaut der Rede erstmals in einem wenig beachteten Artikel in der russischen Militärzeitschrift "VPK-News" am 27. Februar 2013.

Erst als die westliche Propaganda nach "Beweisen" für eine längerfristige Planung Russlands für einen asymmetrischen Krieg gegen die Ukraine suchte, stiess Rob Coalson vom US-amerikanischen Propagandasender Radio Free Europ/Radio Liberty auf den Artikel und übersetzte ihn ins englische. Daraufhin nahm sich der oben bereits erwähnte Mark Galeotti des Textes an und veröffentlichte ihn am 6. Juli 2014 auf seinem Blog "In Moscow's Shadow" mit seinen eigenen und mit Verlaub auch recht eigenwilligen Erläuterungen. Galeotti seziert die Rede und deutet sie mit dem Wissen über die Ereignisse um die Krim so um, dass sie seiner Ansicht nach genau diese Ereignisse beschreibt. 



 Seitdem hat er die eindeutige Deutungshoheit. So benutzen unsere Mainstream-Presseerzeugnisse immer nur genau die Stellen des Redetextes, die Galeotti in seiner Veröffentlichung schon hervorgehoben hat. Eine Tatsache, die nicht sonderlich verwundert, sieht man sich einmal die Follower des Herrn Dr. Galeotti auf seinem Twitter-account an. Fast alle deutschen Top-Propagandisten sind dort vertreten. 


Applebaum Anne Washington Post
Atai Golineh ARD – Moskau
Bidder Benjamin Der Spiegel
Bildt Carl Berater – Petro Poroschenko
Bilger Oliver Freelance
Bota Alice Die Zeit – Moskau
Boy AnnDorit Freelancer
Brössler Daniel Süddeutsche Zeitung
Browder Bill Hermitage Capital
Brunner Simone Freelance – Kiew
Burkhardt Fabian Ludwig-Maximilian-Universität München
Carnegie Russia
Carnegie Endowment
Eggert v. Konstantin Rain TV – Moskau
Eigendorf Katrin ZDF
Eurasia Center
Atlantic Council
Freedom House

Grossheim Bernd ARD – NDR
Hans Julian Süddeutsche Zeitung
Harms Rebecca Bündnis 90/Die Grünen – Europaabgeordnete
Heil Georg Freelance
Higgins Elliot Bellingcat – Atlantic Council
Kühn Oliver Frankfurter Allgemeine – Historiker
Leicht Lotte Human Rights Watch
Lielischkies Udo ARD – Moskau
Lokshin Pavel Der Spiegel
Müller Björn ARD – NDRinfo
Navalny Alexey Blogger
Obermaier Frederik Süddeutsche Zeitung
Open Society

Pisarski Zbigniew Pulaski Foundation
Polyakova Alina Atlantic Council
Rainsford Sarah BBC
Rights in Russia

Ruck Ina ARD – Washington
Salzen v. Claudia Der Tagesspiegel
Schmeitzner Birgit ARD
Sender Wolfgang Konrad-Adenauer-Stiftung
Siegert Jens ehem. Leiter d. Moskauer Büros d. Heinrich-Böll-Stiftung
Smirnova Julia Die Welt
Stoeber Silvia Freelance
Tempel Sylke Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik DGAP
Terek Media
Produktion von TV- u. Radio- Beiträgen über Osteuropa
Thumann Michael Die Zeit
Tucker Maxim Times
Umland Andreas Institut for Euro- Atlantic Cooperation Kiew
Walker Shaun The Guardian
Wehner Marcus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Weiss Andrew S. Carnegie Endowment
ZDF-Studio Moskau
ZDF

Wer sich, angesichts der Tabelle oben immer noch über die hohe Konformität der Meldungen und Meinungen im Mainstream wundert, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Jeder schreibt von jedem ab, man ist eng vernetzt. Da braucht es keinen Grossinquisor, keine offizielle Zensur, um alle Veröffentlichungen auf Linie zu halten.

So ist denn auch die Ansicht Galeottis, die er sich mühsam, die Ereignisse in der Ukraine und auf der Krim vor Augen, mühsam im Nachhinein zurechtbiegt, Gerassimow habe bereits im Januar 2013 einen asymmetrischen Krieg gegen die Ukraine skizziert und Ereignisse wie der "Fall Lisa" oder das angebliche Hacken der US-Demokraten seien Teil eines langfristigen Plans, den Westen zu destabilisieren.

 Dabei gebührt die Idee, einen asymmetrischen Krieg erfunden und in die Tat umgesetzt zu haben, keinesfalls dem Generalstabschef der russischen Streitkräfte, Waleri Gerassimow. Diese Ehre gebührt ganz eindeutig und ausschliesslich den USA.

Am 30. November 2010 erschien im Auftrage des "United Secretary of the Army", das direkt dem US-Verteidigungsministerium unterstellt ist und im Namen des damaligen Generalstabschefs der Armee der Vereinigten Staaten, George W. Casey Jr., das "Training circular No. 18-01". Dieses Trainingshandbuch, das den Vermerk trägt:
"Die Offenlegung von Inhalten oder die Rekonstruktion des Dokuments ist durch jedwede Methode der Zerstörung zu verhindern",
wurde im Auftrag der "John F. Kennedy Special Warfare Center and School (USAJFKSWCS)", dem Ausbildungszentrum der US-Armee für Sondereinsätze des "US Army Special Operations Command (USASOC)" in  Fort Bragg, North Carolina, erstellt und trägt den Titel "Special Forces Unconventional Warfare"

Darin heisst es bereits im Vorwort:
"Special Forces Unconventional Warfare (UW) definiert das aktuelle Konzept der Planung und Durchführung von Operationen der unkonventionellen Kriegsführung (UW) der Special Forces der Streitkräfte der Vereinigten Staaten."
 Gleich in einem der ersten Sätze des Papiers wird das Ziel, die Destabilisierung nicht konformer Nationen ("feindliche Macht"), zur Durchsetzung strategischer Ziele der USA klar und deutlich benannt:
"Die Absicht der unkonventionellen Kriegsführung der USA ist es, durch die Entwicklung und Erhaltung der Widerstandskräfte die politische, militärische, wirtschaftliche und psychologischeVerwundbarkeit einer feindlichen Macht für die strategischen Ziele der USA zu erreichen."
Da bedarf es keiner spitzfindigen und sinnentstellenden Deutungen eines Dr. Galeotti. Hier benennt ein Aggressor klar und unverblümt seine Ziele, die sich weit abseits des Kampfes für Demokratie, Freiheit und Menschenrechten befinden. Diese Tarnung der wahren Absichten durch Manipulation der Sprache ist fester, unverzichtbarer Teil der unkonventionellen Kriegführung. So werden bereits den Planern solcher Kriege Sprachregelungen an die Hand gegeben: Es bestehe eine gewisse
"...Verwirrung in Bezug auf externe Unterstützungselemente, wie ausländische Kämpfer."
Deshalb schlagen die Autoren eine unverfängliche Sprachregelung vor:
"Selbst wenn US-Streitkräfte oder ausländische Kämpfer einen Aufstand oder eine  Widerstandsbewegung unterstützen, sollten die Planer sie nicht als Teil des Aufstands kategorisieren. Planer sollten diese Elemente als Aktivisten, Vermittler, Berater, oder Anhänger bezeichnen."
Wer meint, diese Begriffe im Zusammenhang mit etwa dem Maidan in der Ukraine oder dem Krieg in Syrien in deutschen Presseorganen gelesen oder gehört zu haben, der sollte sich schämen, denn er ist offensichtlich ein Verschwörungstheoretiker.

Allerdings lassen die Autoren wenig Zweifel über ihre wahren Ziele aufkommen. Über die Auswirkungen und Folgen asymmetrischer Kriege schreibt das "John F. Kennedy Special Warfare Center and School":

"...es ändert zweifellos die geopolitische Landschaft einer bestimmten Region."
Wie man zu diesem angestrebten Ergebnis kommt, damit befasst sich das Papier in aller epischen Breite - über das Deponieren und Tarnen von Vorräten und Kriegsgerät bis hin zu Anweisungen, wie Container zu packen sind. Zunächst wird erst einmal beschrieben, wie die idealen Voraussetzungen für einen erfolgreich Regime-Change aussehen:
"Widerstand beginnt in der Regel mit dem Wunsch von Personen, die von einem unpopulären Regime oder einer Besatzungsmacht aufgezwungenen unerträglichen Bedingungen zu beseitigen. Dieser Wunsch führt im Allgemeinen zum Hass auf die bestehenden Verhältnisse und einer allgemein oppositionellen Haltung gegenüber der Regierung."
 Daraufhin beginnt eine Phase des aktiven Widerstands:
"Zunächst wird sich dieser Hass als sporadische, spontane gewaltlose oder auch gewaltsame Widerstandshandlung der Menschen gegenüber der Autorität manifestieren."
 Die Menschen bekommen moralische und psychologische Unterstützung:
"Schlüssel des Übergangs von der wachsenden Unzufriedenheit zum Aufstand ist die Wahrnehmung eines erheblichen Teils der Bevölkerung, dass sie bei einer Revolte nichts zu verlieren haben - und der Glauben daran, dass sie erfolgreich sein könnten."
 Nun ist es an der Zeit dem Aufstand Struktur durch eine Führung zu geben:
 "Wenn die Unzufriedenheit wächst, sollten natürliche Führer, wie ehemalige Soldaten, Geistliche, lokale Amtsträger und Nachbarschaftsvertreter, diese Unzufriedenheit in einen organisierten Widerstand kanalisieren, die deren Wachstum weiter befördert."
Zur Massenbewegung werden die Proteste durch eine Initialzündung, z. B. der Vorwurf der Wahlfälschung oder wie in der Ukraine die Enttäuschung der Menschen über die nicht erfolgte Unterschrift zum Assoziierungsabkommen mit der EU, von dem sich viele Ukrainer eine Besserung ihrer Lebensumstände versprochen hatten:
"Darüber hinaus muss ein Funke die Widerstandsbewegung auslösen, wie ein katalysierendes Ereignis, das die Unterstützung der Bevölkerung gegen die Regierungsmacht entzündet und eine dynamische Führung der Aufstände, die in der Lage ist, die Situation auszunutzen."
 In einer Graphik mit15 Eskalationsstufen wird dargestellt, wie ein Aufstand zu organisieren ist:
  1. Die Unzufriedenheit mit den politischen, wirtschaftlichen, sozialen, administrativen und anderen Bedingungen; nationales Streben (Unabhängigkeit) oder dem Wunsch nach ideologischen und andere Änderungen
  2. Schaffung einer Atmosphäre von größerer Unzufriedenheit durch Propaganda und politischen und psychologischen Bemühungen, die Regierung zu diskreditieren
  3. Agitation: Schaffung einer günstigen öffentlichen Meinung (nationale Ursachen befürworten); Schaffung von Misstrauen gegenüber den etablierten Institutionen
  4. Agitation, Unruhe und Unzufriedenheit erhöhen; Infiltration von Verwaltung, Polizei, Militär und nationalen Organisationen. Boykotte, Verlangsamungen und Streiks
  5. Einschleusung von ausländischen Organisatoren und Beratern, ausländischer Propaganda, Material, Geld, Waffen und Ausrüstung
  6. Rekrutierung und Ausbildung von Widerstandskadern
  7. Eindringen in Gewerkschaften, Studenten- und nationaler Oganisationen und allen Teilen der Gesellschaft
  8. Verbreitung von subversiven Organisationen in alle Bereiche des Lebens eines Landes
  9. Errichtung nationaler Tarnorganisationen und Befreiungsbewegungen; Appell an ausländische Sympathisanten
  10. Ausbau der Tarnorganisationen
  11. Intensivierung der Propaganda, psychologische Vorbereitung der Bevölkerung für einen Aufstand
  12. Offener und verdeckter Druck gegen Regierung (Streiks und Unruhen, Störung)
  13. Erhöhte Untergrundaktivitäten um die Stärke der Widerstandsorganisation und die Schwäche der Regierung zu demonstrieren
  14. intensive Zerstörung der Moral (Regierung, Verwaltung, Polizei und Militär)
  15. Erhöhen der politischen Gewalt und Sabotage

Die Graphik der 15 Eskalationsstufen:

Als eine Art Pyramide dargestellt: Die Schritte um einen  Konflikt anzuheizen. Links und rechts je drei Pfeile die alle nach oben weisen, hin zu  einer Linie, ab der dann der Guerillakrieg beginnt. Die Botschaft lässt an Eindeutigkeit nicht zu wünschen übrig: Sinn und Zweck aller Bemühungen ist es, zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zu führen.



 Den Grad des Zynismus, der den Überlegungen der Autoren zugrunde liegt zeigt ein Satz über die Grundvorausetzungen, die gegeben sein sollten, um ein ungeliebtes Regime mithilfe eines unerklärten Krieges aus dem Amt zu jagen:
"Die Bevölkerung muss glauben, dass sie nichts zu verlieren hat, oder gar zu gewinnen."
Dieser Satz zeigt mehr als alles andere, dass es den USA bei ihren zahlreichen unerklärten Kriegen keinesfalls um die Verbesserung der Lebensumstände der Menschen geht, sondern rein um geostrategische Fragen. Das Papier aus dem November 2010, also über zwei Jahre vor der Rede Gerrassimows, "Special Forces Unconventional Warfare" plädiert ganz unverblümt für Gewaltaktionen gegen Staaten, gegen Regierungen und letztlich gegen Menschen aus nur einem Grund - dem Machterhalt und der Machtausdehnung der Vereinigten Staaten von Amerika und von  deren unsozialem und umweltzerstörendem Finanz- und Wirtschaftssystem.

 Davon ist allerdings in unseren Medien kein Wort zu hören. Da wird den Menschen lieber das Gehirn verkleistert mit an den Haaren herbeigezogenen angeblichen Bedrohungen unserer Freiheit und unseres westlichen Lebensstils durch den herbeifantasierten Aggressionsdrang Russlands und seiner Führung.